Vorwort

Die Neuigkeit traf am 2. Mai 2013 ein: Meine Tochter Natalie besuchte an dem Tag meine 98-jährige Mutter Irmgard im Schwarzwald, weil deren Kräfte nachließen und nicht sicher war, ob die Großmutter die nächsten Wochen überleben würde.

Natalie suchte nach alten Photos, um sie meiner Mutter zu zeigen und stieß auf ein merkwürdiges Bändchen mit grünem Plastikeinband, mit transparentem Klebefilm überklebt, der offensichtlich als Siegel gedient hatte, mit Papierresten, die einmal eine Art Titelaufkleber darstellten, mit Löschpapieren vorneweg, die dafür sorgen sollten, dass die Tinte nicht beim schnellen Schreiben die gegenüberliegende Seite verunziert, voll mit unendlich vielen flüssig handgeschriebenen Seiten, einem zweiten weiteren Band, der in das Tagebuch eingelegt war, mit Briefen und Postkarten, mit Zeitungsausschnitten und zusammengefalteten Photos. Sie begann zu lesen: England Montag, den 15. August 1932. 1932? Das war unvorstellbare 80 Jahre her. Sie überflog die Seiten und stellte fest: Hier hatte ihre Großmutter im Alter von 17 bis 20 Jahren einem Tagebuch anvertraut, was ihr junges Herz bewegt hatte: Es war die Schilderung des Beginns und des Endes einer großen und wechselseitigen Liebe eines jungen Mädchen aus großbürgerlichen Bremer Hause. Das vierte Kind eines stolzen und angesehenen Kaufmanns, und seiner Frau, die ganz nach Bremer Tradition im Winter in der Stadt und im Sommer auf deren Landsitz wohnten.

In diese Familienidylle brach „mein geliebter Märchenprinz“ ein, Friedrich Prinz von Preußen, das vierte Kind des letzten deutschen Kronprinzen Friedrich Wilhelm. Er war 1911 in Berlin geboren, wohnte im Cecilienhof bei seinen Eltern und war 1932/33 „zu volkswirtschaftlichen Studien in Bremen“ (Munzinger Archiv); in Wirklichkeit arbeitete er bei der Antioquiabank – offensichtlich ohne Freude und nur aus Pflicht und auf Bitte seines Vaters.

Dieses Tagebuch erzählt die Geschichte einer überbordenden, aber aussichtslosen Liebe zu einem Prinzen, der Gefallen an dem frechen und blendend aussehenden Mädchen gefunden hatte, weil es so anders war als die anderen. Sie schmachte ihn nicht an, sondern übersah ihn, machte ihm keine Avancen, sondern fiel durch ihre schnippischen und respektlosen Bemerkungen Seiner Königlichen Hoheit auf.

Die Existenz dieses Tagebuchs trafen meine fünf Jahre ältere Schwester Andrea und mich wie ein Donnerschlag: Wohl hatte unsere Mutter von ihrer großen Liebe zu einem Hohenzollernsohn einmal berichtet, der tragisch ums Leben kam, aber ein Tagebuch wurde nie erwähnt – geschweige denn gezeigt. Und so lag dieser Schatz in all den Jahren des gemeinsamen Lebens im Elternhaus versteckt in einer Schublade und wurde zu einem Zeitpunkt entdeckt, zu dem wir fürchteten, dass es mit unserer Mutter zu Ende geht.

Beim nächsten Besuch meiner Mutter habe ich das Tagebuch an mich genommen und mit zittrigen Händen auf einen Schlag durchgelesen – ein innerer Film schien sich abzuspielen, weil die Schilderung so herzergreifend, die Höhen und Tiefen so nachvollziehbar und das Ende so tragisch war. Und dann waren da noch die Briefe des Angebetenen, mal kurz, mal lang, mit sehr unterschiedlichem Tonfall, aber doch ein wunderbares Spiegelbild dessen, was in dem Tagebuch verewigt war.

Was tun? Ist ein Tagebuch etwas, was man liest? Ist das nicht Vertrauensbruch, eine Sünde gegenüber der eigenen Mutter? Darf man es abschreiben, anderen Familienmitgliedern den Text geben, sogar aus der Familie weitergeben, um Rat einzuholen?

Wenig später nahm ich das Tagebuch mit auf meine Reise in den Schwarzwald und las es im Krankenhaus meiner Mutter – der Autorin dieser Zeilen – mit stockendem Atem vor, den Anfang und den Schluss. Meine Mutter hörte aufmerksam zu, lächelte und schwieg.

Jetzt halten Sie dieses Tagebuch in der Hand, lesen die Briefe, sehen die Photos, und sehen die Welt der Jahre 1932 – 1935 wiedererstehen, aus der Sicht eines Liebespaares in dieser Zeit, aber auch mit den Bezugsgrößen, die damals wichtig waren.

Für Sie, die sie dieses Werk in den Händen halten, möge ein wenig der Hauch der Geschichte spürbar sein, die Tragik, die diese beiden Menschen umgibt, weil ihre Liebe wegen fehlender Standesmäßigkeit keine Chance hatte – und mögen doch die Glücks-momente trösten, die hier unendlich zart und hanseatisch zurückhaltend dargestellt sind. Dass ein Sohn ein solches Werk seiner Mutter im eigenen fortgeschrittenen Alter in die Hand bekommt, zu ihren Lebzeiten – das ist eine Geschichte, wie nur das Leben sie schreiben kann.

Braunschweig, im Oktober 2013
Henrich Wilckens
P.S. Eine aktualisierte Version dieses Vorwortes ist im Buch als Nachwort erschienen